Uns’re Stadt – ich hab die Langeweile satt: Notdurft! in Bielefeld Teil I

Als es in Bielefeld noch keinen Ostwestfalendamm gab, das AJZ erst seit ein paar Jahren an der Heeper Str. 132 zu finden war und die Postleitzahl noch 4800 Bielefeld war – da gründete sich in der ostwestfälischen Metropole die Band Notdurft! Eine kleine Bandgeschichte für Unwissende gibt es übrigens hier: http://www.notdurft-punk.de/

alleskahlhier hat sich mit Jones ( Bassist bei Notdurft) und Bernie ( Gitarre bei Notdurft, Animal Fucks) getroffen und es ist ein langes Interview entstanden. Teil 1 von 10:

alleskahlhier: Wann habt Ihr erfahren das es so etwas wie Punk überhaupt gibt? Wie habt ihr davon erfahren?

Jones: Ich bin da letztendlich über Thomas ( Anm.: später Notdurft Sänger ) herangekommen. Der brachte die ersten Scheiben ran, das war etwa so um 1979/1980. Ich war vorher eher ein Hippie und habe Pink Floyd und so was gehört, also Pop- und Rockmusik. Das war noch nicht mal Hardrock sondern ich war eher jemand der Popmusik mochte.

alleskahlhier: Und Thomas kanntest du, weil ihr zusammen in der Schule wart?

Jones: Genau, der war mit mir in der Gesamtschule und dort haben wir uns kennengelernt. Das war so eine Clique in der Elsa-Brandström-Strasse. Da wohnte eine Klassenkameradin von mir zusammen mit ein paar Leuten aus Ibbenbüren: unter anderem Ulli, der später Gitarrist bei Notdurft wurde, Pipo und den zwei Schwestern Susanne und Irene. Das wurde später ein Treffpunkt der ersten Punkszene in Bielefeld.

alleskahlhier: Wenn du sagst, Thomas hat dir die ersten Platten vorgespielt, hat dich das sofort begeistert oder hast du gedacht: ‚Was für ein Scheiß‘?

Jones: Das hat mich eigentlich gleich ziemlich angetörnt, weil es sehr direkte einfache Musik war. Das hat sofort klack gemacht.

alleskahlhier: Weißt du noch was das für Platten waren?

Jones: Ganz am Anfang waren das Dead Kennedys und solche Sache wie Hans-A-Plast. Anfangs war das auch oft noch nicht schnell, laut und hart, sondern es waren ganz verschiedene Sachen – auch viel Experimentelles. Hans-A-Plast waren ja auch nicht so richtiger Punk.

Bernie: Studentenpunk haben wir das verächtlich genannt.

Jones: Aber das wurde in dieser Zeit natürlich auch gehört.

alleskahlhier: Und wie war das bei Dir?

Bernie: Ich war ja Lehrling, mit 14/15 Jahren bin ich in die Lehre gegangen. Ich war so ein Stones-Fan und habe mir natürlich auch die Bravo geholt. Da war dann ein Bericht über die Sex Pistols drin. Pink Floyd konnte ich nie ab und der Drummer der Sex Pistols hatte dort ein T-Shirt an mit ‚I hate Pink Floyd‘.
Dann hab ich mir in Heepen im Plattenladen Singles geholt: Sex Pistols ‚ God Save the Queen‘ und Adverts ‚ Gary Gilmores Eyes‘, Punkrock-Hit aus England stand da drauf. Das waren die ersten Stücke, die ich mir gekauft hatte.

alleskahlhier: Das war ein Plattenladen in Heepen?

Bernie: Ja ein ganz normaler. Das war so ein Rundfunkladen die auch Singles verkauft haben und die hatten witzigerweise auch diese Punksingles.
Die ersten Punks in Bielefeld waren alles Lehrlinge, Arbeiterkinder. 14/15 Jahre waren wir damals, Lutz Bentrup und auch der Sänger von Animal Fucks. Animal Fucks war die erste Band, die wir hatten, das war vor meiner Notdurft Zeit. Wir haben uns immer in der Diskothek Gurke (später Titanic) getroffen, die haben auf unseren Wunsch dann Punkrock gespielt. Wie konnten da unsere Punksingles mitbringen. Sonntag nachmittags haben die das dann aufgelegt und wir haben zu fünft oder sechst Pogo getanzt. Die Leute guckten dann immer ganz deppert.
Und dann gab es ein paar Engländer die auch Punks waren, das war in der Diskothek Badewanne. Das waren, glaube ich, die ersten Punks überhaupt so in Bielefeld. Das waren Armeeangehörige, die so schon um 1977/78 rumrannten. Bei uns war das dann eher um 1978/79.

alleskahlhier: Ist denn dann auch eine äußerliche Veränderung eingetreten bei Dir?

Bernie: Ja ich fand das total gut. Ich fand ja vorher schon Keith Richards und Rod Stewart toll mit den hochstehenden Haaren. Klamotten gab es ja so nicht zu kaufen. Das hat man halt selbst gemacht, bei alten Jacken die Ärmel abgeschnitten und Punk hintendrauf.
Wir waren halt so drei, vier Leute und haben uns in der Diskothek kennengelernt. Da ging es los das man sich abends getroffen hat und irgendwann wurden das dann mehr Leute.
Jones und die Leute das war eine ganz andere Szene. Das waren Gesamtschüler und Leute, die studiert haben. Wir waren ja eher so Lehrlinge und Leute die malocht haben, aber irgendwann haben wir uns dann über Notdurft und meine Band Animal Fucks kennengelernt.

alleskahlhier: Und bei Dir, hat sich da klamottentechnisch was verändert?

Jones: Die Hosen wurden dann jedenfalls enger, vorher hatten sie Schlag. Das mit den Haaren das dauerte dann schon ein bisschen. Erst hab ich sie abgeschnitten und irgendwann blondiert. Ich hatte mich zwar nie besonders trendy angezogen, aber es hatte jedenfalls Einfluss. Ein bisschen dem Zeitgeist angepasst hat man sich natürlich und anders hätte man sich ja auch nicht mehr wohlgefühlt – es sah auch einfach besser aus! (Gelächter)

Bernie: Mit kurz geschnitten oder hochstehenden Haaren da fiel man damals richtig auf, da guckten die Leute alle und das fand ich natürlich toll. Vorher war man eher so ein schüchterner Schüler und auf einmal war man rebellischer.

alleskahlhier: Wie waren die Reaktion in eurem Umfeld? Was sagte die Familie dazu, was sagten Klassenkameraden, Freunde, die Oma dazu?

Bernie: Meine Mutter die hat sich aufgeregt. Ich hatte eigentlich blonde Haare und eines Abends, wo meine Mutter mal weg war, habe ich mir die schwarz gefärbt. Und morgens musste ich zur Arbeit, da macht meine Mutter die Tür auf und hat sich voll erschrocken, (Gelächter) „Bist du schwul“, oder so was hat sie gesagt, die hat sich voll aufgeregt. Aber das war mir egal, das war so die Sid Vicious Zeit um 78/79 herum. Der war damals so richtig groß und wir fanden den toll, obwohl es ein Arschloch war, im Nachhinein. Aber ist ja auch egal, ich fand den halt vom Aussehen her supergeil und da hat man sich ein bisschen dran orientiert.

alleskahlhier: Und wo hast du Bilder von dem mitbekommen?

Bernie: Da gab es ja die Sounds und auch im Musikexpress waren öfters Berichte über Punkbands. Und in diesen Rockmusikzeitungen waren dann halt Photos drin.

Jones: Aber der war ja auch in der ganz normalen Zeitung drin. Wenn da wieder ein Sex Pistols Skandal war, waren dann auch immer Bilder mit dabei, z.B. von den Skandalen auf der letzten Tour.

Bernie: Und dann waren wir ja in Hamburg in der Markthalle beim „In die Zukunft“ Festival. Da rannten dann tausend Sid Vicous rum. Ganz viele sahen so aus! (Gelächter) Hundehalsband, die Haare, Armband – alle gleich.

Jones: Das ist Individualismus!

Bernie: Ja, war echt ungewöhnlich! Dann fing das auch an das die Leute Lederjacken anzogen. Vorher waren das eher so Jacketts und Jeansjacken bei uns, mit Sicherheitsnadeln dran und Löchern rein gemacht.

alleskahlhier: Waren das musikalisch denn hauptsächlich die englischen Bands? Was war mit Ramones und Johnnie Thunders?

Bernie: Die ersten Bands die ich richtig mochte waren The Damned und Dead Boys. Aber ganz am Anfang war man eher auf englische Bands. Mit Richard Hell konnte ich damals gar nichts anfangen, das war mir alles zu vertrackt. Johnnie Thunders Heartbreakers fand ich auch toll, die erste: Los Angeles Motherfucker. Aber eigentlich war ich eher auf englische Bands bis das dann losging mit Dead Kennedys und Black Flag. 1979/80 bin ich dann richtig auf Amipunk umgestiegen, da waren die englischen Bands nicht mehr so interessant. Außer The Damned die habe ich immer verfolgt, bei denen musste man sich aber immer umstellen weil jede Platte anders war.

Jones: Ja, die Dead Kennedys das ist mit das Früheste an das ich mich erinnern kann. The Clash haben wir natürlich viel gehört.

Bernie: Aber Joe Jackson habt ihr doch auch viel gehört. Gute Musiker das fandet ihr toll.

Jones: Da sind wir auch nach Hannover auf ein Joe Jackson Konzert gefahren, in der Zeit als diese ‚I ‚m a Man‘ Scheibe draußen war (Anm. etwa 1979). Das war ein geniales Konzert.

Bernie: Und Saints fandest du auch immer toll.

Jones: Das waren eher die musikalisch anspruchsvollen Sachen und nicht der pure Rock’n’Roll auf den Bernie so gestanden hat. Ulli war auch eher so, der fand Joe Jackson auch total geil und Thomas hat alles quer durch gehört, der hatte aber natürlich auch viele Lieblingsbands.

Bernie: Stiff Little Fingers!

Jones: Ja, die hatten wir natürlich rauf und runter gehört.

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